Aktuelles
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Predigt zum Jahresfest des Alexander-Stifts in Neufürstenhütte am 12.7.2009
Höret mir zu, ihr vom Hause Jakob, und alle, die ihr noch übrig seid vom Hause Israel, dir ihr von mir getragen werdet von Mutterleibe an und vom Mutterschoße an mir aufgeladen seid:
Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten. Jesaja. 46, 3+4
Liebe Gemeinde!
Rettung ist da!
Ein Siegesruf wird laut. Die Feinde sind besiegt.
Damals, als Gott dieses Wort zum ersten Mal durch den Propheten Jesaja seinem Volk Israel sagen ließ, war ein großer Teil des Volkes in Babylonien gefangen. Ausgeliefert war das Volk Israel einer Weltmacht, die weite Teile des Vorderen Orients beherrschte und die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich war das Volk Israel eingeknickt vor dieser Macht. Es war zu einem Nichts, zu einem Niemand geworden. Angst beherrschte das Volk. Angstvolle Fragen drängten sich auf. Es war die Frage: Kommen wir jemals wieder in unsere Heimat? Werden wir immer Sklaven in Babylonien bleiben müssen? Wir merken: Angstvolle Fragen nach der Zukunft des eigenen Lebens werden laut. Es war die mit Angst gestellte Frage: Was wird wohl werden?
Eine solche Frage stellt sich sehr wohl, wenn man sich seiner Welt, in der man lebt, nur noch ausgeliefert vorkommt. Kein Wunder, wenn dann der einzelne, ja wenn ein ganzes Volk sagt: „Es geht nicht mehr.“ Kein Wunder, wenn die Last des Lebens zu schwer wird. Kein Wunder, wenn man einfach einknickt, einknickt vor den Verhältnissen seines Lebens. Kein Wunder, wenn man zu keinem Schritt mehr fähig ist.
Und nun ergeht dieser Siegesruf: Rettung ist da!
Es ist nicht der Auf-Ruf, um einen Sieg zu erringen. Es ist nicht der Ruf, alle Kräfte zusammen zu nehmen, um dann zu siegen, Es ist nicht der Ruf, etwas zu tun, nein, es ist der Aus-Ruf des schon vollbrachten Sieges: Rettung ist da!
Das hängt daran, dass Gott es ist, der den Sieg der vollbrachten Rettung ausruft. Kein einziges Mal hören wir: Du musst deine Kräfte zusammennehmen. Kein einziges Mal hören wir: Es hängt auch an dir, ob wir siegen. Nicht einmal hören wir: Es kommt auch auf dich an. Wir hören nur: Ich trage, ich schleppe, ich schleppe euch wirklich, ich rette, ich bin es, an dem der Sieg liegt.
Umzingelt von einer Welt, in der man keine Hoffnung mehr hat, umzingelt von einer Welt, die einen einknicken lässt, hat man auch keine Kraft, weder sich noch andere zu tragen. Zur alten Last kommt keine neue dazu. Der Sieg hängt nicht einmal von der Kraft eines einzigen Menschen ab, der Sieg gehört allein Gott.
Das ist unglaublich. Unglaublich, im wahrsten Sinn des Wortes ist das. Deshalb lässt Gott durch den Propheten sagen: „Hört mir zu, die ihr vom Mutterschoss an mir aufgeladen seid.“ Das ist, als würde Gott sagen: „Macht doch die Probe aufs Exempel, wenn ihr auf euer Leben seht.“ Gott hält alle an, die damals und uns heute, auf unser Leben Rückschau zu halten. Denn in der Rückschau auf das eigene Leben entdeckt man deutlicher als im Augenblick, dass man vom ersten Tag seines Lebens bis zum heutigen Tag von Gott getragen, von Gott geschleppt ist. In der Rückschau auf unser Leben sieht man, dass nicht wir mit Gott und mit unserem Glauben an Gott eine Last haben, sondern dass Gott mit uns seine Last hat. Gott aber hat diese Last noch nie abgeworfen, sondern er trägt sie bis zum heutigen Tag.
Hindurchgetragene sind wir in dem Sinn, dass wir eben nicht nur vor der Übermacht der Ereignisse in unserem Leben eingeknickt liegenbleiben, sondern aufgerichtet werden, damit wir wieder über die Mauer der Übermacht sehen und damit auch wieder Gottes Macht und Möglichkeit in den Blick bekommen. Manchmal war es schon, dass man am Abend dachte: Wie wird das morgen weitergehen? Und am anderen Morgen wuchsen uns neue Kräfte zu, eröffneten sich Möglichkeiten, die am Abend vorher noch nicht da waren.
Hindurchgetragene sind wir in dem Sinn, dass Gott uns samt unseren Lasten trägt. Dabei sind das nicht nur die Lasten des Alters und die Lasten der Krankheit, schwer genug sind sie ja, aber noch schwerer sind die Lasten, die wir Gott mit unserem Verhalten machen. Oft schon ist uns geholfen worden, aber dennoch kommen dann doch Stunden, wo wir zweifelnd fragen: „Kann ich mich auf Gott wirklich verlassen?“ Die Frage muss in Gottes Ohr so klingen, als würde jemand von uns sagen, dem wir schon des Öfteren geholfen haben: „Kann ich mich auf den wirklich verlassen?“ Beschämt, aber voller Vertrauen durften wir jedoch wieder bitten: „Hilf uns“, obwohl wir wenige Stunden zuvor noch an Gottes Hilfe für uns zweifelten. Geduldig trägt und er-trägt uns Gott.
Hindurchgetragene sind wir auch in dem Sinn, dass uns Gott „schleppt“. Wir alle wissen, wie das ist, wenn man eine Last schleppt. Und wir alle wissen, weshalb man eine Last schleppt. Eine schwere Last würde man am liebsten stehen lassen. Eine uns wertvolle Last will man um keinen Preis verlieren. Und so ist es auch bei Gott: Uns – jeden einzelnen von uns – will Gott um keinen Preis verlieren. Koste es ihn, was es wolle. Manchmal haben wir es schon erlebt: Die Trauer um einen Menschen, die Sorge um das eigene Leben löschte jede Lebenskraft in uns aus. Aber auf wundersame Weise wuchsen uns plötzlich Kräfte zu, die uns nicht in der Hoffnungslosigkeit versinken ließen.
Unglaublich, aber es ist so. Gott trägt uns samt unserer Last. Gott trägt uns samt unseren Sorgen und Ängsten, die zur Last werden. Gott trägt uns samt unserer Lebenslast, den versäumten Gelegenheiten, anderen nahe zu sein, den nicht mehr gut zu machenden Möglichkeiten, für jemand eintreten zu können. Das alles kann ja zur Gewissenslast werden, die schwer auf uns liegt. Gott aber schleppt uns. Gott lässt uns um keinen Preis los. Gott lässt uns auf keinen Fall los. Denn es geht um unsere Rettung. Es geht nämlich um nichts weniger als um die Rettung unseres Lebens.
Wie ernst es Gott mit unserer Rettung ist, zeigt sich daran, dass wir wenige Kapitel nach unserem Wort vom Knecht Gottes hören: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Aber die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Gott trägt und schleppt und rettet uns. Das gilt auch dann noch, wenn wir immer wieder Menschen loslassen müssen. Das gilt auch dann noch, wenn wir manches nicht mehr festhalten können. Das gilt auch dann noch, wenn uns von unseren Kräften, von unserer Schönheit, von unserem Können nur noch das graue Haar bleibt. Das gilt auch dann noch, wenn von uns nur noch das Alter und das graue Haar übriggeblieben sind und alles andere in die Vergessenheit hinabgesunken ist. Auf alle Fälle und um jeden Preis will Gott mit uns ans rettende Ziel kommen.
Merken wir, wie liebens-würdig wir Gott sind? Haben wir gehört, wie würdig wir der Liebe bei Gott sind? Liebenswürdig sind wir für Gott, denn nur die Liebe Gottes zu uns ist der Grund dafür, dass er uns trägt und schleppt und rettet. Gott trägt uns, er schleppt uns, er rettet uns, weil wir seiner Liebe würdig sind. Was muss das für eine Liebe sein, die diese Last, nämlich uns, aushält?
Was hindert uns daran, jetzt aber auch vorwärts zu sehen? Wer staunend wahrnimmt, dass er bis zum heutigen Tag mehr getragen wurde, als dass er selbst getragen hat, der kann getrost in die Zukunft sehen. Denn, so haben wir gehört: Gott trägt uns. Er trägt uns von unserem ersten Atemzug an bis zu unserem letzten Atemzug.
Das kann für uns Konsequenzen haben. Wir erinnern uns vielleicht an eigenes Verhalten oder an das Verhalten unserer Kinder. Schluchzend und trostsuchend sitzt das Kind auf dem Schoß der Mutter oder hängt im Arm des Vaters. Aber dann, nachdem es den bergenden Schoß der Mutter oder den starken Arm des Vaters gespürt hat, springt das Kind fröhlich wieder davon oder geht tapfer an seine Aufgabe. Dürfen wir nicht solchen Kindern gleichen?
Gott trägt uns und Gott erträgt uns, Gott schleppt uns, um sein Ziel zu erreichen und er setzt alle seine Möglichkeiten ein, um uns ans allerletzte Ziel zu bringen, nämlich zum ewigen Leben in seiner Gegenwart. Und das nicht nur, weil er uns für liebenswürdig achtet, sondern auch deshalb, weil er unser Leben für lebenswert hält. Unser Leben ist es ihm wert, dass wir Ziele erreichen und dass wir an ein letztes Ziel kommen, nämlich unser Leben nie zu verlieren.
Was bleibt uns dann noch zu tun?
Dann dürfen wir trotz allen Widrigkeiten Vertrauen ins Leben haben und uns nicht in eine Mutlosigkeit einspinnen, die uns erdrückt oder dafür blind macht, dass wir von Gott Getragene und Geschleppte und Gerettete sind. Denken wir daran, dass Gott das vor allem den Menschen verspricht, die am Ende sind, die zu keinem Schritt mehr fähig sind und mit ihrer Kraft und ihren Möglichkeiten am Ende sind. Gerade die werden immer und immer wieder und immer neu erleben, dass Gott trägt, wo sie schon lange nicht mehr können. Und auch wir werden erleben, dass Gott uns schleppt, wo wir schon lange schlapp gemacht haben. Und wir werden nicht nur hier in diesem Leben vor manchem gerettet, unser Leben wird gerettet. Denn unser Leben ist in Gottes Augen bleibend lebenswert.
Ein Siegesruf, Gottes Siegesruf, erschallt und will an das Ohr und in das Herz des Menschen dringen, dessen Leben vor Gott bis ins hohe Alter so lebenswert ist und der samt seiner grauen Haare, für Gott so liebenswürdig ist. An unseren hellen und an unseren dunklen Tagen, in den lauen Nächten und in den Nächten, die uns zur schrecklichen Finsternis werden, eben immer ergeht an uns der Siegesruf Gottes: Rettung ist für dich da!
Ich- Gott – will dich heben und tragen und erretten. Amen.
Pfarrer Heinrich Kuttler
geschrieben von har am 15.07.2009 um 12:05 Uhr.
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