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In Weinstadt-Schnait beschreitet das Alexander-Stift neue Wege für pflegebedürftige Senioren
„Vertraut den neuen Wegen“ – dieser hoffnungsstarke Strophenanfang eines Kirchenliedes, das die Festgemeinde bei der Einweihung des Gemeindepflegehauses in Weinstadt-Schnait sang, gilt im übertragenen Sinn auch fürs Konzept der „Hausgemeinschaft“, das das Alexander-Stift nun in Schnait in seinem ersten Haus verwirklicht.
Ungefähr 140 Gäste waren im obersten Stockwerk des Gemeindepflegehauses, das künftig mit drei Hausgemeinschaften für je elf pflegebedürftige ältere Menschen geführt wird, zum Einweihungsfestakt versammelt. Neun Heimplätze sind hier in Einzelappartements und zwei in einem Doppelappartement untergebracht. Die geräumige Wohnküche – sie ist Mitte und Zentrum der Gemeinschaft, um die herum die betagten, pflegebedürftigen Menschen ein familienähnliches Miteinander leben können, ohne dass sie dabei in ihrer Individualsphäre eingeschränkt werden. Die Alltagsverrichtungen, die zum Haushalt einer traditionellen Großfamilie gehören, werden hereingeholt in die kleine Wohneinheit – das Kochen, das Waschen und Bügeln oder die Reinigung der Zimmer.
Dass das Alexander-Stift mit seinem ersten Gemeindepflegehaus, das es als Hausgemeinschaft führen wird, in Schnait neue Wege geht, fand in den Grußworten zur Einweihung einhellig Beifall. Die Idee der Gemeindenähe zähle für sie zu den wertvollsten Impulsen bei der Weiterentwicklung einer lokal integrierten und sozial anspruchsvollen Betreuung von Menschen in der dritten Lebensphase, betonte Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch. „Wer hinausblickt über die Dachlandschaft von Weinstadt-Schnait auf die Weinberge ringsum, spürt die Grundidee: Menschen im hohen Alter in ihrer angestammten, vertrauten Umgebung zu belassen, sie durch einen ortskernnahen Standort und eine offene, transparente Architektur an und einzubinden ins örtliche Leben.“ Mit dem neuen Konzept der Hausgemeinschaften gehe das Alexander-Stift zudem einen mutigen Schritt weiter in der wohnortnahen Altenpflege. „Das vertraute soziale Umfeld, die nachbarschaftlichen, freundschaftlichen und familiären Verbindungen zu pflegen, war in allen Konzeptionen der bisherigen Einrichtungen des Alexander-Stifts Erfolgsbasis“, so die Staatssekretärin weiter.
Landrat Johannes Fuchs rühmte die im bessarabischen Sarata 1865 von deutschen Auswanderern gegründete Sozialbewegung als „Pionier einer neuen Qualität gemeindenaher Altenpflege“. Die innovative Kraft des Alexander-Stifts, das mittlerweile in neun Gemeinden im Rems-Murr-Kreis Gemeindepflegehäuser betreibt, werde in Schnait mit Händen greifbar. Das Konzept der Hausgemeinschaft für pflegebedürftige und demenzkranke Menschen fuße auf der Idee „einer möglichst alltagsnahen Normalität für die Bewohner, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vorbild ist das normale Familien-leben.“ Allein im Rems-Murr-Kreis leiden nahezu 5000 erfasste Personen, die eigentliche Zahl dürfte noch höher liegen, an demenziellen Erkrankungen. Wer sich dieser Herausforderung mit der Suche nach „passgenauen Lösungen“ stelle, finde im Schnaiter Gemeindepflegehaus eine Antwort, so Fuchs.
„Herr Vossler, Sie sind in Weinstadt angekommen. Es ist schön in dieser großen Runde, hier im Wohnzimmer, Sie in Schnait willkommen heißen zu können“, sagte Weinstadts Oberbürgermeister Jürgen Oswald. Städtebaulich wie seniorenpolitisch setze das Gemeindepflegehaus in Weinstadt neue Akzente. Günther Vossler, Direktor, Motor und Ideengeber im Alexander-Stift, zitierte die Eckdaten des Projekts: Einschließlich Grundstück (864 qm) und Inventar habe das Schnaiter Gemeindepflegehaus 2,380 Millionen Euro gekostet. Umgerechnet auf einen der 33 Pflegeplätze entspreche das 70 000 Euro. Dies belege, dass wirtschaftlich geplant und gebaut wurde.
„Es bedarf immer einer Vielzahl an Beteiligten, bis aus einer Idee wirklich ein Gebäude entsteht, das den inhaltlichen, städtebaulichen und funktionalen Anforderungen gerecht wird. Alle müssen im Sinne und zum Wohle des Vorhabens Hand in Hand arbeiten. Ich persönlich habe die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gremien als sehr konstruktiv empfunden. Herr Vossler hat die Ziele und Planung sehr konkret formuliert und damit eine hervorragende Grundlage erstellt. Das Fachpersonal des Alexander-Stifts hat seine hohe Kompetenz in die Planung eingebracht. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe hat mit unverzichtbarem Rat zum Thema Hausgemeinschaft zur Seite gestanden. Dem Hilfskomitee und der Landsmannschaft danken wir für das entgegengebrachte Vertrauen. Die Arbeit an diesem Projekt war für mich eine besondere Freude, da hier erstmalig ein Pflegeheim nach dem Hausgemeinschaftsprinzip für das Alexander-Stift verwirklicht werden konnte“, betonte Architektin Britta Kerstingjohänner bei der symbolischen Schlüsselübergabe, um anschließend das räumliche Konzept noch genauer zu erläutern.
„Wir freuen uns!“ hatte Mario Dürr seinerzeits die Festgäste in Neckarwestheim willkommen geheißen. Nun, so Dürr, freue er sich den Gruß aus dem Neckartal ins Remstal, von Weinbaugemeinde zu Weinbaugemeinde, weiterreichen zu können. Sein zuletzt gebautes Gemeindepflegehaus weihte das Alexander-Stift im September 2005 in Neckarwestheim ein. Bürgermeister Mario Dürr gab in der guten Tradition des Alexander-Stifts den Stab in Form eines Lichts und eines Gemäldes jetzt weiter an Weinstadts Oberbürgermeister Jürgen Oswald. Der Staffellauf, so Pastor Arnulf Baumann, sei mit Schnait jedoch noch nicht am Ziel. Wie eine Perlenkette reihten sich die Häuser auf. Das „Häusle bauen“ sei württembergisches Erbgut, dass die einstigen Auswanderer nach Bessarabien mitgebracht hätten, gewiss, aber die Initiative, sich auf Wagnisse einzulassen, sich den Widrigkeiten und Anforderungen zu stellen, ohne nach staatlicher Hilfe zu fragen, hätten die schwäbischen Emigranten im Zarenreich unter schwierigen Umständen eingeübt. „So ist dieses Zurückgeben der Initiative, die man damals erlernt hat, etwas, was einen Dank ausdrückt dafür, dass wir nach dem Krieg hier im Lande aufgenommen wurden.“
Ein besonders bewegender Bogen zur Historie des Alexander-Stifts wurde, ohne es vorher zu wissen, am nächsten Tag beim Gottesdienst geschlagen. Zur Eröffnung des Tags der offenen Tür fand in der Schnaiter Kirche ein Gottesdienst statt, in dem Pastor Arnulf Baumann die Predigt hielt. Gemeinsam wurde Psalm 84 gebetet. Dieser Psalm trägt die Unterschrift „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen“ und beinhaltet den Vers: Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest für ihre Jungen. Predigte nicht doch Landesbischof Haug bei der Einweihung des Hauses und somit dem Beginn der Arbeit des Alexander-Asyl im Jahre 1953 in Großerlach-Neufürstenhütte zu diesem Vers? Eine freudige Überraschung für Pastor Baumann, welche man seiner bewegten Stimme abspürte. Und mit einem sehr gut besuchten und abwechslungsreich-harmonisch verlaufenden Tag der offenen Tür wurde der Sonntag „Laetare“ für alle ein großer Tag der Freude.
geschrieben von Hardtke am 07.04.2006 um 09:46 Uhr.
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