Gemeindepflegehaus Rechberghausen

 

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Weg vom sturen Säulensystem hin zu mehr Vernetzung

Gesprächsrunde des Alexander-Stifts zum Thema Pflege - Plädoyer für Vielseitigkeit des Pflegeangebots

Weg vom sturen Säulensystem hin zu mehr Vernetzung













Engagierte Diskussionsrunde (von links): Heike Stadelmann, Rudolf Thoma, Wilfried Klenk, Martina Zoll, Dr. Peter Messmer, Günther Vossler, Walter Fischer und Moderator Matthias Nothstein.



Weissach i.T. Ambulante und stationäre Pflege beißen sich keineswegs. Ganz im Gegenteil. Die Vielseitigkeit des Pflegeangebotes macht’s. Sie garantiert individuelle, auf Wünsche und Bedürfnisse orientierte Lösungsmöglichkeiten, lautete der Konsens der Gesprächsrunde des Alexander-Stifts im vollbesetzten Unterweissacher Bürgerhaus.
Und eben diese Vielseitigkeit gelte es zu erhalten. Aufgrund der wachsenden Pflegebedürftigkeit, bereits heute kommen auf 1000 Einwohner im Rems-Murr-Kreis 20 Pflegebedürftige (siehe Artikel unten), könne man sich Missverständnisse und Ressentiments einfach nicht leisten. Durch den demografischen Wandel kämen auf die ambulanten und stationären Bereiche gleichermaßen gewaltige Veränderungen zu. Daher werde die gegenseitige Ergänzung und Verzahnung immer wichtiger. Weg vom sturen Säulensystem – ambulant, teilstationär, stationär – hin zu mehr Vernetzung. Auch im Hinblick der geriatrischen Rehabilitation, der zur Erhaltung der Lebensqualität eine große Bedeutung zukommt. „Für uns ist es wichtig Menschen wieder in eine alltagsnahe Situation hineinzubekommen“, betonte Dr. med. Walter Fischer von der geriatrischen Rehaklinik Welzheim.
Der sozialpolitische Sprecher der CDU Landtagsfraktion, Wilfried Klenk, bedauerte, dass durch einseitige Medienberichte die Pflege, ob ambulant oder stationär, schlecht geredet werde. „Man muss hier auch mal erwähnen, welch gute Pflege geleistet wird.“ Dem schloss sich Dr. Peter Messmer vom Sozialministerium Baden-Württemberg an und brach eine Lanze für die stationäre Pflege. „Wenn sie fragen, wer gerne zum Zahnarzt geht oder eine Steuererklärung macht, werden sie jedes Mal ein Nein als Antwort erhalten und dennoch ist die Notwendigkeit dessen akzeptiert. In stationären Pflegeeinrichtungen wird eine gute Arbeit geleistet. Nur werden Heime sehr unfair behandelt. Wir brauchen Fürsprache aus der Politik und der Fachlichkeit. Wenn wir diese Angebotsform ständig diskreditieren, wie sollen wir dann motiviertes Personal finden“, gab Messmer zu bedenken.
Natürlich bestehe der berechtigte Wunsch, so lange als möglich zu Hause bleiben zu können, aber oftmals gebe es Situationen und erfordere die gesundheitliche Entwicklung eine stationäre Pflege, pflichtete Martina Zoll von der Geschäftsführung Diakoniestation Weissacher Tal bei. Weitaus mehr betrachte sie die Zunahme der Bürokratie mit Sorge. „Wir werden bombardiert mit Qualitätsanforderungen“, bemängelte Zoll und richtete einen Appell an die Politik mehr zu entbürokratisieren. Auch sehe sie die Zunahme des illegalen Pflegemarktes sehr kritisch.
Hier würden viele, so die Runde, auch die Kostensituation falsch einschätzen. Auch die legale Beschäftigung einer ausländischen Hilfe, man beachte, diese darf nur für die häusliche Versorgung und Betreuung, nicht aber für die Pflege eingesetzt werden, würde Risiken bergen. Was wenn diese aufgrund Unfall oder Krankheit ausfällt? Oder ihren Urlaub für längere Zeit nehmen möchte? Auch als häuslicher Arbeitgeber ist man ans Arbeitsrecht gebunden. Und vor allem wie bekommt man alles miteinander nahtlos geregelt?
Dass man irgendwann zu Hause an unüberwindliche Grenzen stoßen kann, davon berichtete Rudolf Thoma. Gemeinsam mit seiner Frau pflegte er seine an Alzheimer erkrankte Schwiegermutter solange, bis es einfach nicht mehr ging. Natürlich gab es Gewissensbisse, natürlich beschäftigten sie Schuldgefühle. Doch die Entscheidung, die Mutter, die zwischenzeitlich verstorben ist, damals von Niedernhall/Hohenlohe in die Obhut der Demenzeinrichtung des Alexander-Stifts in Weissach im Tal zu überantworten, haben die Thomas bis heute nie bereut.
Aber auch die Pflegeheime selbst stoßen an Grenzen. „Pflege braucht mehr Hände“, bekräftigte Günther Vossler, Vorstand des Alexander-Stifts. „Im Vergleich zu anderen Bundesländern haben wir noch gute Pflegesätze. Aber vom Budget, von den Rahmenbedingungen geht es bei den Pflegeleistungen nicht noch billiger.“ Daher arbeite das Alexander-Stift daran, neue Konzepte zu entwickeln. Vossler nannte die des Betreuungshelfers, deren Finanzierung auch über eine Stiftung erfolgen könnte.
„Mir wär’s wichtig, dass das vielfältige Angebot auf dem Pflegemarkt erhalten bleibt“, betonte Heike Stadelmann, Pflegedienstleitung Diakoniestation Weissacher Tal. Auch die Diakoniestationen seien herausgefordert sich ständig weiterzuentwickeln. Dass die stationäre Pflege zur Regelversorgung werden und in der letzten Lebensphase eine zentrale Rolle spielen wird, davon ist Dr. Peter Messmer überzeugt. „Deshalb müssen wir uns ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen. Es wird viel über die stationäre Pflege gesprochen, aber zu oft vorbeidiskutiert.“ In der ganzen öffentlichen Kostendiskussion stört den Experten aus dem Sozialministerium zudem eines ganz gewaltig, dass ein Kostenpunkt nie zur Sprache kommt: „Die Hauptrolle der Kosten häuslicher Pflege spielen die Verzichtskosten und die tragen hauptsächlich die Frauen und das ist mit Geld nicht aufzuwiegen.“


65 Prozent mehr Betreuer bis 2030?
Die Zahlen des Statistischen Landsamts zum Thema Altenpflege/Immer mehr Personal wird benötigt

Waiblingen (zds). Dass die Menschen immer älter werden, ist einerseits schön, andererseits müssen sich Kommunen und Land auf gewaltige Herausforderungen einstellen.
Bereits zum Jahresende 2005 waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes rund 20 von 1000 Einwohnern im Rems-Murr-Kreis pflegebedürftig. Nach den Bevölkerungsberechnungen soll diese Zahl bis zum Jahr 2020, von heute an gerechnet also in den kommenden zwölf Jahren, um 36,6 Prozent steigen.
Ende 2005 mussten im Rems-Murr-Kreis 6,94 von 1000 Einwohnern stationär gepflegt werden, weitere 4,34 von 1000 wurden ambulant betreut von Pflegediensten und nochmal 8,81 von 1000 wurden zu Hause ausschließlich von Angehörigen versorgt.
Der baden-württembergische Vergleich: Die Spanne reicht von 16 bis 32 Pflegebedürftigen je 1000 Einwohner.
Insgesamt lebten Ende 2005 rund 225 370 Pflegebedürftige in Baden-Württemberg. 147 000 wurden zu Hause betreut, davon rund 100 000 durch Angehörige, die übrigen von Pflegediensten. Weitere 78 300 Menschen wurden in Heimen versorgt. Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der Pflegebedürftigen landesweit um 32,9 Prozent steigen.
Um die rund 125 000 Menschen, die entweder in Heimen oder von ambulanten Pflegediensten versorgt wurden, kümmerten sich rund 92 500 Menschen in Voll- und Teilzeit. Der Anteil der Frauen am Personal betrug rund 85 Prozent. Der Bedarf an Pflegepersonal wird also vermutlich drastisch steigen. Die Statistiker gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 65 Prozent mehr Betreuer benötigt werden. Ihre Zahl müsste auf 153 000 wachsen. Ein Unsicherheitsfaktor bei diesen Berechnungen ist die häusliche Pflege durch Angehörige. Und: Künftig werden wohl immer weniger Ältere von Kindern oder anderen Verwandten betreut werden können, da Familienmitglieder durch geforderte berufliche Mobilität oft weit auseinander wohnen.

geschrieben von Birgit Hardtke am 19.11.2007 um 09:21 Uhr.


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