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Vom Matthäusevangelium zur Matthäuspassion

Ein Bogen von Paul Gerhardt zur Oster-Rüstwoche in Neufürstenhütte

„Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Wie ein roter Faden zog sich dieses Thema durch die Rüsttage in der Karwoche im Alexander-Stift in Neufürstenhütte. Beeindruckend die Texte der Passion Jesu im Matthäusevangelium, die Pfarrer Heinrich Kuttler auslegte. Beeindruckend aber auch die Lieder Paul Gerhardts, denen sich Ruth und Heinrich Kuttler am Dienstag Nachmittag widmeten. Beeindruckend aber vor allem wie Paul Gerhardt in seinen Liedern seiner Gläubigkeit und seiner Liebe zu Jesus Ausdruck verlieh. Bis heute.
Ob Paul Gerhardt geahnt hat, dass viele seiner Lieder heute noch gesungen werden? 139 Lieder sind von ihm überliefert, 27 davon stehen noch im Gesangbuch und die badische und württembergische Landeskirche haben immerhin noch vier Lieder in ihrer Kernliederliste. Die meisten seiner Lieder sind unendlich lang – zwölf, 15 und noch mehr Strophen. Auch unterscheiden sich die Sprache der Lieder in manchem von unserer Alltagssprache, aber die Lieder bringen zur Sprache und weisen auf etwas hin, was viele im Grunde ihres Herzens suchen, nämlich einen festen Halt.
Eingängig sind Paul Gerhardts Lieder und tief berührend. Gerade auch weil der Dichter und Theologe nicht nur „die güldne Sonne“ besingt, sondern auch die Schattenseiten des Lebens kennen gelernt hat und beschreibt: als Zeitgenosse im Dreißigjährigen Krieg, als Vater, von dessen fünf Kindern drei früh starben, als Mensch, der erlebte, wie Pest, Ruhr und Pocken wüteten. Man merkt daher seinen Liedern an, dass sie „echt“ sind. Oder ist nicht das Leben beschrieben, so wie es nun einmal ist, wenn Paul Gerhardt schreibt: „ Er weiß dein Leid und heimlich Grämen“, „er hört die Seufzer deiner Seelen und des Herzens stilles Klagen und was du keinem darfst erzählen“, „ nimm nicht zu Herzen, was die Rotten deiner Feinde von dir dichten“!
Er hat gewusst was Schwermut ist und doch ist es Gerhardt, der tröstet – mit einer heutzutage Vielen fremd anmutenden Gläubigkeit. Zwar wird durch den Glauben, durch Jesus, durch Gott nicht plötzlich alles anders. Die Welt wird nicht anders, aber wir können mit dem, was uns Not macht, besser umgehen. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der Lieder von Paul Gerhardt, dass sie darin auch „echt“ bleiben. Sie weisen auf Gott hin, dessen Willen und Leitung das Leben unterstellt wird. Beeindruckend, dass Paul Gerhardts Lieder nach 400 Jahren immer noch wirken, sie oft den Nerv treffen. Wie oft erleben Haupt- und Ehrenamtliche, Angehörige und Gäste und auch die Seelsorger in den Häusern des Alexander-Stifts voller Freude, selbst wenn sonst nicht mehr viel Erinnerung da ist, selbst wenn der Mensch von Demenz, von Alzheimer geprägt, bei Paul Gerhardt-Liedern wird kräftig mitgesungen. Aus dem Gedächtnis.
Bachs „Weihnachtsoratorium“ – undenkbar ohne „Wie soll ich dich empfangen“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“. Und auch die Matthäuspassion findet ihre Ruhepunkte in Gerhardt-Chorälen. Selbst wenn sie es nicht ahnen, viele Menschen haben ein Lied oder eine Strophe Paul Gerhardts in Kopf und Herz. Und das soll auch lange noch so bleiben.

geschrieben von Birgit Hardtke am 23.05.2007 um 08:45 Uhr.


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